Über die Leere


in der ostasiatischen Tuschmalerei

Vortrag von Rita Böhm zum Neujahrsfest 2014 in ihrem Atelier in Berlin

 

Die Grundlage der ostasiatischen Malerei ist eine fundamentale Philosophie, die genaue Vorstellungen von Kosmologie, menschlicher Bestimmung und dem Verhältnis von Mensch und Universum entwirft. Eine praktische Anwendung dieser Philosophie finden wir in der Malerei.

Mein Vortrag basiert in erster Linie auf den Schriften über das philosophische und ästhetische Denken in der Kultur Chinas. Die Japaner lassen sich dagegen nur ungern in philosophische Diskussionen hineinziehen – sie leben ihre Philosophie, statt sie zu diskutieren.

Einer der Grundgedanken, ja zentraler Begriff des chinesischen Denkens ist der Begriff der Leere. Es sind die Philosophen der taoistischen Schule, die die Leere ins Zentrum ihres Systems rückten. Die Leere ist weniger eine Erklärung, vielmehr geht es hier um ein „Verständnis“ oder „Einverständnis“, und damit letztlich um eine Weisheit, die sich als Lebenskunst begreift. Das Eindringen in die Leere ist das Einswerden mit dem Tao. Und zwar in einem doppelten Sinn: von dem Maler aus, indem er durch Selbstentäußerung und Hingabe sich mit den Bildern erfüllt, dann aber auch die Leere im Bild selbst. Tao ist die Atmosphäre, Tao ist der fremd-unfassbare Raum. Tao ist gewissermaßen der Nullpunkt des Seins. In ihm sind alle Gegensätze gleich zugänglich und in ihm heben sie sich einander auf. Aber er ist nur wirklich zu erleben, als das, was zwischen dem Dargestellten ist. Dieser Nullpunkt ist das Geheimnis der chinesischen Geistigkeit.

Später in der Tang-Dynastie wird die Leere zu einem wichtigen Thema des Zen-Buddhismus und unter der Song-Dynastie findet sie Eingang in die kosmologischen Konzeptionen der Konfuzianer.

Zen-Kreis

Zen-Kreis

Zenbilder zeigen oft eine große Vorliebe für den leer gelassenen Bildgrund. Im Zen hat er höchste Bedeutung erlangt, als abstraktes Symbol für die form-, farb- und eigenschaftslose Leere. Hier wird der leere Grund des Bildes identifiziert mit dem leeren Grund des Seins und dem „Satori“, das heißt, der absoluten Wahrheit und der höchsten Stufe der Erkenntnis.

Wir finden den Begriff der Leere nicht nur in der Malerei, sondern auch in der Dichtkunst, in der Musik (wo sie als Stille interpretiert wird), im Theater (z.B. im japanischen No-Theater), in den Kampfkünsten, im Ikebana, in der Gestaltung von Gärten und in der Kulinarik. Doch ist es in der Malerei, wo sich die Leere am sichtbarsten und vollkommensten zeigt. In manchen Gemälden aus der Song- und Yuanzeit stellen wir fest, dass die Leere (der nicht bemalte Raum) bis zu zwei Dritteln des Bildes einnimmt. Doch auch in der sichtbaren Welt (der bemalte Raum), z.B. zwischen Bergen und Wasser zirkuliert die Leere in Form von Wolken. Mit Hilfe der vermittelnden Leere erweckt der Maler den Eindruck, dass der Berg scheinbar in Leere übergehen und zur Form von Wellen zerschmelzen kann, während sich im Gegensatz das Wasser, nachdem es den Zustand der Leere durchlaufen hat, sich zum Gebirge aufzuwerfen vermag.

Hier ist die Leere kein vager Begriff, sondern ein dynamisches und aktives Element. Eng verbunden mit der Idee des „Lebensatems“ und den Begriffen von „Yin und Yang“, ist sie der eigentliche Schauplatz, wo sich die Dinge ereignen. Für die harmonische Tätigkeit des Paares Ying und Yang ist die Leere unverzichtbar; sie ist es, die die Aspekte des Lebensatems in den Prozess des wechselseitigen Werdens hineinzieht. Die Leere wird als eine Möglichkeit gesehen, sich dem Universum ganzheitlich zu nähern. Sie wirkt hier als wechselseitiges Ineinanderübergehen, sowohl zwischen Mensch und Natur, als auch zwischen Betrachter und Bild.

Die Leere ist genau das Gegenteil eines „no mans land“. Sie ermöglicht den Prozess der Verinnerlichung und Verwandlung, durch den jedes Ding zur Ganzheit gelangt. Die Leere strebt zur Fülle, tatsächlich ist sie es, die den „vollen“ Dingen erlaubt, ihre wahre Fülle zu erreichen.

Die Leere im menschlichen Leben

Bodhidharma

Bodhidharma

Dem chinesischen Denken zufolge, wird die Eintracht zwischen Mensch und Universum zuallererst dadurch gewährleistet, dass der Mensch ein Wesen ist, das nicht nur aus Fleisch und Blut besteht; er besitzt darüber hinaus auch die Leere. Durch die Leere kann das Herz des Menschen zum Maßstab oder Spiegel seiner selbst und der Welt werden. Weil er die Leere besitzt und eins ist mit der ursprünglichen Leere, befindet sich der Mensch an der Quelle aller Bilder und Formen. Er begreift den Rhythmus von Raum und Zeit und meistert das Gesetz der Verwandlung. Denken wir nur an die unfassbare Leere, die sich im Inneren des Atomkerns befindet.

Shitao sagt dazu : „Das Herz des höchsten Menschen ist leer. Es folgt nicht den Dingen, handelt ihnen aber auch nicht zuwider. So kann der höchste Mensch von den Dingen nicht mehr verletzt werden. Er läuft durch alles fest Gegebene einfach hindurch, geht unbekümmert selbst durch Feuer und Wasser. Die Freude, welche die Malerei birgt, gehört nicht mehr der Unterscheidung Freude – Kummer an. Jenseits der Gefühle steht sie für sich allein.“

Zwei Strömungen beseelen diese Malerei:
Eine religiöse Richtung, die aus dem Taoismus und dem späteren Buddhismus hervorgeht – und eine Richtung, die man als „profan“ bezeichnen kann, die aber trotzdem von Spiritualität geprägt ist.

Wang Wei: „In der malerischen Rangordnung ist die Tuschmalerei allen anderen überlegen, sie erfasst das Wesen der Natur und vollendet das Werk der Schöpfung.“

Bu Yantu: „Wo göttliche Magie wirkt, erreichen Pinsel und Tusche die Leerheit. Es gibt dann Pinsel jenseits des Pinsels und Tusche jenseits der Tusche.“

Um den Wert eines Bildes zu beurteilen unterscheidet die Tradition drei Grade der künstlerischen Vollendung:

  • ein Werk von erlesenem Talent,
  • ein Werk von wunderbarem Wesen – und als höchsten Grad
  • ein Werk von göttlichem Geist.

Wir glauben immer, dass sich der Begriff der Leere nur auf den unbemalten Raum bezieht, aber an dem ist nicht so – die Leere hat hier eine weit größere Bedeutung.

Tusche und Leere

Die Verbindung zwischen Leere und Farbe (Tusche) hat ihr spirituelles Fundament in einer berühmten buddhistischen Äußerung: „Farbe ist Leere, Leere ist Farbe.“

Wir unterscheiden 6 verschiedene Sorten von schwarzer Tusche:

Trocken, verdünnt, und weiß; nass, konzentriert und schwarz. In technischer Hinsicht wird die Leere in eine ganze Palette von Farbtönen übersetzt – insbesondere in trocken, verdünnt und weiß. Selbst das sogenannte „ohne Tusche“ ist nicht völlig frei von Tusche. Während das „Trocken- Verdünnte“ von der Fülle geprägt bleibt, ist das „ohne Tusche“ völlig leer. Es ist eine Erweiterung des „Trocken-Verdünnten“. Es ist viel schwieriger, das Unsichtbare, die Leere, darzustellen. Die Leere, verkörpert durch die verdünnte Tusche, stellt den Prozess dar, der vom Seienden ins Nichts verläuft, während die Fülle, die von der konzentrierten Tusche verkörpert wird, Spuren und Formen markiert.

Wang Yu: „Um einen magischen Effekt zu erzielen, muss man in einer Art und Weise mit der Tusche spielen, dass dort, wo der Pinsel innehält, urplötzlich „etwas anderes“ zum Vorschein kommt.“

Wir können die Leere in eine Tuschzeichnung einführen, in Form des leeren Raumes, oder noch einfacher durch unterbrochene Striche und verdünnte Tusche. Ohne die Leere könnte der Strich, der Ausdehnung und Licht, Rhythmus und Farbe andeutet, nicht sein ganzes Wirkungsvermögen entfalten. Die Leere greift auf allen Ebenen in die Herstellung eines Bildes ein, von den Grundstrichen bis zum Aufbau des Ganzen. Die Beziehung zwischen Fülle (den gemalten Elementen) und Leere (dem diese umgebenden Raum), verweist hier auf eine wesentliche Beziehung, diejenige zwischen Erde und Himmel. Leer –Voll ist in der chinesischen Kunst weder bloß ein Gegensatz der Formen noch ein Verfahren um räumliche Tiefe zu erzeugen. Als Widerpart des Vollen ist die Leere eine lebendige Wesenheit. In der Malerei wie im Universum ist die Leere das „Gewand des Yang“ und die Fülle das „Herz des Yin“.

Doch hier ist auch der Mensch gegenwärtig (als Maler oder Betrachter) und in dieser Dreiecksbeziehung (Himmel-Erde-Mensch) ist die Leere (die geistige Dimension) der verbindende Aspekt.

Der Aufbau des Bildes – Komposition

Eine traditionelle Regel besagt: in einem Gemälde, ein Drittel Fülle, zwei Drittel Leere – aber diese Regel ist natürlich nicht starr auszulegen.

Die dem Gesagten zugrundelegende Philosophie bezeichnet das eine Drittel Fülle als das Element des Irdischen und die zwei Drittel Leere als das Element des Himmlischen.

Das Gemälde konkretisiert damit den Wunsch des Menschen, der, nachdem er die Erde angenommen hat, zum Himmel strebt, um die Leere zu erreichen.

Nun ist die Leere der Fülle im Gemälde keineswegs entgegengesetzt. Die höchste Kunst besteht darin, die Leere inmitten der Fülle selbst einzuführen, ob es sich um eine Einzelheit, oder um den Aufbau des Ganzen geht. In einem von wirklicher Leere durchzogenen Gemälde kann und muss der dynamische Lebensatem im Inneren jeden Striches und zwischen den Strichen frei zirkulieren.

Dazu ein Ausspruch von Huang Binhong: „Der Raum mag so sehr angefüllt sein, dass kein Lufthauch mehr durch ihn hindurchdringt, und trotzdem enthält er soviel Leere, dass Pferde darin nach Belieben herumspringen können.“

Leere als der Zustand höchster Vollkommenheit

Man nennt es „die fünfte Dimension“. Auf dieser Ebene ist die Leerheit angesiedelt; der höchste Zustand, zu dem jedes von der Wahrheit inspirierte Gemälde tendiert.

Sie wird angesehen als eine Dimension, die Zeit und Raum übersteigt und das jungfräuliche Papier wird als ursprüngliche Leere begriffen, von der alles ausgeht.

Suzuki sagt darüber: „Das Geheimnis besteht darin , dass der Maler selber zu dem Gegenstand wird, den er malen möchte.“ Die Disziplin besteht darin, die Pflanze (oder das Tier) mit einem von allen subjektiven und selbstischen Inhalten geläuterten Denken inwärts gekehrt zu studieren. Das heißt, das Denken in Einklang zu halten mit der Leere. Dann schafft der zu malende Gegenstand sein eigenes Bild.

Dazu ist die Intuition unverzichtbar – sie ist die Fähigkeit, die es uns erlaubt, die Dinge direkt anzuschauen. Man darf nicht zulassen, dass sich irgendetwas zwischen das Selbst und das Objekt drängt. Erst, wenn das Selbst ganz zum Verschwinden gebracht ist, vermag die Intuition ihre Macht auszuüben, denn erst dann löst sich der Gegensatz auf zwischen demjenigen der sieht, und dem, was gesehen wird. Oder, buddhistisch ausgedrückt: das intuitive Sehen ist gleichbedeutend mit dem Eintritt in die Sphäre der Nicht-Dualität.

Und in diesem Zustand können wir auch den unbemalten Raum unseres Bildes als gleichwertig mit dem Bemalten empfinden.

Huang Lin: „Wenn die Malerei an dem Punkt anlangt, wo sie keine Spuren mehr hinterlässt, erscheint sie auf dem Papier als eine natürliche Emanation des ursprünglichen Papiers, das nichts anderes ist, als die Leere selbst.“

Wang Yu: „Die reine Leere ist der Zustand höchster Vollkommenheit, auf den sich jeder Künstler zubewegt. Doch nur, wer ihn zuerst in seinem Herzen empfindet, wird ihn erreichen können. Wie in einer Zen-Buddhistischen Erleuchtung geht man in der plötzlich hervorbrechenden Leere auf.“

Äffchen

Äffchen

In Japan bezeichnet man etwas von großer Schönheit als „Shibusa“. Das kann man nicht wörtlich übersetzen – darin liegt die Bedeutung von Ruhe, Tiefe, Schlichtheit und Reinheit, auch am nächsten kommen solche Adjektive wie streng, beherrscht und verhalten. Zurückhaltung ist ein wesentliches Element von Shibusa. Diese Zurückhaltung, die auch als „Schweigen wie Donnerhall“ bezeichnet wurde, kann man mit der Leere im Bild vergleichen. Der Raum ist aber nicht „leer“, sondern deutet etwas unermesslich Weites an.

Die Leere ist der höchste Zustand, dem man entgegenstreben muss: sie greift ins Innere aller Dinge ein, ins Herz ihrer jeweiligen Substanz und Wandlungen.

Alle Kunstwerke besitzen dann eine größere Schönheit, wenn sie auf etwas jenseits ihrer selbst hindeuten, als wenn sie sich damit begnügen, nur sie selbst zu sein. Die tiefste Schönheit ist nicht die, welche nur erklärt, vielmehr jene, die unermessliche Möglichkeiten andeutet.

Darum ist in unserer Sumi-e Kunst das Nichtgemalte oft wichtiger als das Gemalte.

Quellennachweis:

Francois Cheng: Fülle und Leere – die Sprache der chinesischen Malerei
Lin Yutang: Chinesische Malerei – eine Schule der Lebenskunst
Shitao: Aufgezeichnete Worte des Mönches Bittermelone zur Malerei
Helmut Brinker: Zen in der Kunst des Malens
Andrew Juniper: Wabi Sabi

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